Es war ein rundum gelungenes Zusammenkommen: Etwa 60 Beteiligte, ein Auftakt mit Pfiff von Katalin Gennburg, spannende kurze Beiträge von 12 verschiedenen Initiativen, angeregter Austausch, geteilte Forderungen und ein leckeres Kuchenbuffet haben dazu beigetragen. Und nun der Reihe nach:
1) Auftakt von Katalin Gennburg
Katalin (Recht-auf-Stadt-Aktivistin, war direkt gewähltes Mitglied im Berliner Abgeordnetenhaus, ist seit 2025 Bundestagsabgeordnete und Sprecherin für Stadtentwicklung der Linksfraktion) zeichnete mit einer halbstündigen „Key-Note“ zum Auftakt das Bild einer feministischen, sorgenden Stadt als Gegenmodell zur kapitalistischen Verwertung unserer Städte. Städte müssten so gestaltet werden, dass sie in erster Linie für die Bedürfnisse der dort lebenden Menschen funktionieren. Nach 30 Jahren Neoliberalismus und dem Credo der unternehmerischen Stadt scheint diese Selbstverständlichkeit geradezu radikal. Katalin macht sich zum Beispiel für kostenlose kommunale (Öko-)Toiletten stark. Die Perspektive der feministischen Stadtpolitik darin ist, dass die Stadt als Ort der Sorgearbeit und der Reproduktion entwickelt wird und eben nicht nur aus der meist männlichen Perspektive von Lohnarbeit und Profitökonomie – „Shoppingmalls zu Sorgezentren“. Es geht darum, wichtige Infrastrukturen der Nahversorgung zu sichern, eine Stadt der kurzen Wege, aber es ist eben auch ein Kampf um Orte jenseits von Kommerz und Kaufrausch. Es braucht solidarische Orte des Zusammenlebens in den Nachbarschaften und Stadtteilen. Ein guter Bericht ist hier erschienen: https://zeroviews.de/2025/09/07/die-linke- kassel-kommunalwahl-2026-aktionskonferenz-wohnen/ In der anschließenden kurzen Diskussion fanden sich viele Anknüpfungspunkte zu den Themen in Kassel. Großer Zuspruch kam zur Forderung nach gepflegten öffentlichen und kostenlosen Toiletten – zum Beispiel an Spielplätzen.
2) „Speed-Dating“ mit aktuellen Initiativen/Akteuren zum Wohnen und Leben in unserer Stadt
In jeweils kurzen drei Minuten ging es um drei Fragen:
1) Anliegen: Worum geht es in eurem Projekt? / Wofür setzt ihr Euch ein?
2) Erfahrungen: Welche Erfolge hattet Ihr und wo seid Ihr auf Hürden gestoßen?
3) Perspektiven: Was würde helfen, Eure Forderungen und Ziele umzusetzen?
Zunächst stellte sich der Mieterbund Nordhessen. Der Mieterbund ist der wichtigste Interessenverband von Mieter*innen. Die zentrale Aufgabe ist Beratung und Unterstützung von Mitgliedern, die Probleme mit Vermieter*innen haben. Häufig stimmen die Nebenkostenabrechnungen nicht, Mieten werden unrechtmäßig erhöht, oder (Investoren-)Vermieter*innen kommen ihren Pflichten nicht nach. Oft reicht schon ein Brief, um Korrekturen zu erreichen. Darüber hinaus engagiert sich der Mieterbund für bezahlbare und bedarfsgerechte Wohnungen. Eine Forderung ist, mehr leerstehende Immobilien nutzbar zu machen. Weitere Infos: https://www.mieterbund-nordhessen.de/verein/ueber-uns
Von der Mieter*inneninitiative Zierenberger Straße wurde berichtet, wie der Investor-Eigentümer den Mieter*innen im Wohnblock das Leben schwer macht. Kaum lief die Sozialbindung aus, wurde die Miete erhöht. Wenn es aber darum geht, das Haus instand zu halten, Schimmel zu bekämpfen, kaputte Heizungen oder Wasserschäden zu reparieren, passiert nichts. Erfolgreich haben sich die Mieter*innen in einer Initiative zusammengeschlossen, gemeinsam viel auf die Beine gestellt und gelernt. Unterschriften gesammelt, Kundgebung am Rathaus, Unterstützung und Berichterstattung organisiert. Leider ist der Eigentümer offenbar gar nicht am Zustand seiner Immobilie interessiert. Deshalb sagt die Initiative: Benner Holding muss raus! Die Stadt soll die Häuser als kommunalen Wohnraum übernehmen. Bericht der Hessenschau zur Situation vor Ort: https://www.hessenschau.de/tv-sendung/weitergedreht-schimmel-wohnungen-in-kassel,video-198720.html
Eine Aktivistin der Mietergemeinschaft Rembrandtstraße erinnerte an das Jahr 2019, als die Mieter*innen von drei Häusern von der NH/Wohnstadt die Kündigung bekamen, weil die Gebäude für ein neues Wohnbauprojekt abgerissen werden sollten – obwohl die gerade erst saniert worden waren. Ein Schlag aus heiterem Himmel, vor allem für alte Bewohner*innen und weil die Mieten günstig waren. Wohin!? Die Organisierung begann, der gemeinsame Protest zog Kreise und zeigte Wirkung: Die Wohnstadt kümmerte sich um Ersatzwohnungen, die Zeitung berichtete und 2023 feierte das Theaterstück „Leere Stadt – Eine investigative Performance“ Premiere in Kassel. Inzwischen stehen die Häuser immer noch leer (bis auf zeitweise Unterbringung von Geflüchteten) und leiden. Eigentlich sollte 2022 schon neu gebaut werden. Jetzt ist die Stadt aufgefordert, die Abrissgenehmigung zu widerrufen. Die Häuser sollen bleiben und wieder bewohnt werden!
Der BUND Kassel erstellt immer wieder ausführliche Stellungnahmen gegen Planungen für Bauprojekte, die Klima- und Umweltschutz missachten und außerdem am Bedarf vorbeigehen. Beispiel sind die Bebauungspläne „Gänseweide/Hohefeldstraße“ oder „Nordshausen Nord“, wo neue Einfamilienhäuser, Eigentumswohnungen und Villen entstehen sollen. Leider konnte kein*e Berichterstatter*in vor Ort sein. Weitere Infos: https://kassel.bund.net/
Mitglieder der Interessensgemeinschaft Henschel-Areal machten auf das Medizinische Versorgungszentrum des Heilhauses gegenüber dem Gelände im Stadtteil Rothenditmold aufmerksam, wo solche Einrichtungen Mangelware sind. Der Umbau des ehemaligen Industriegeländes durch den Investor Sector Seven steht bevor. Der Entwurf sieht unter anderem vor, dass direkt gegenüber des Mehrgenerationenhospizes eine Lkw-Zufahrt auf das Gelände gebaut werden soll, welche auch als Zufahrt zum geplanten Parkhaus genutzt werden soll. Dafür müssten u.a. ein Teil des Skaterparks und das Jugendzentrum bei Mr. Wilson weichen. Die Anwohner*innen fürchten eine Verkehrslawine vor ihren Haustüren. Der benachbarte Rüstungsbetrieb KNDS (früher Kraus-Maffei Wegmann) wird das Parkhaus nutzen. Die Bildung der Interessengemeinschaft ist schon ein Erfolg. Und der Ortsbeirat unterstützt die Anliegen und verlangt eine andere Lösung, die nicht zu Lasten der Anwohner*innen und der soziokulturellen Angebote auf dem Henschel-Areal geht. Zentrale Forderungen: Keine Lkw-Zufahrt vor den Haustüren gegenüber dem Mehrgenerationenhospiz! Kein zusätzlicher Schwerlastverkehr in Rothenditmold!
Ein Genosse vom Ortsverband der Linken in Wehlheiden berichtete von der Planung der Stadt, einen Teil des Georg-Stock-Platzes von einem privaten Investor mit Wohnhäusern bebauen zu lassen. Dabei ist der ursprünglich vorgesehene Solitärbau, in dem ein Jugendzentrum eingerichtet werden sollte. Das wurde gestrichen – die Jugendlichen sollen in die Südstadt gehen. Das ist keine gute Lösung. Und der bestehende Raum ist zu klein und ungeeignet. Deshalb ist die Forderung, dass ein guter Jugendtreff in Wehlheiden geschaffen wird. Dazu gibt es auch eine Online-Petition. Außerdem soll die Stadt selbst bauen und keine Grundstücke in so zentraler Lage verkaufen!
Eine Aktivistin vom Gewächshaus in der Wolfsschlucht sprach über die kleine Erfolgsgeschichte der öffentlichen Kinderstube (public day care), die einen Publikumsliebling der documenta fifteen in der Innenstadt spiegelt. Dort kommen Eltern mit (Klein-)Kindern aus verschiedenen Stadtteilen und Bevölkerungsgruppen zusammen. Es gibt auch Zuschüsse von der Stadt, aber keine dauerhafte Förderung. Die wenigen engagierten Frauen(!) im Verein sind vor allem mit Administration beschäftigt. Da ist verbindliche Unterstützung nötig. Die Stadt muss sich engagieren und auch Räume auf Dauer organisieren. Weitere Infos: https://mittendrin-kassel.de/public-daycare-wieder-da/
Im Forschungsprojekt „Leere Stadt“ haben sich Wissenschaftler*innen und Studierende aus dem Fachgebiet „Architektur Stadt Ökonomie“ mit dem Leerstand in Kassel beschäftigt. Systematische Erfassung und Konzepte für die Nutzung sind dabei herausgekommen. Es wurden über 300 komplett oder teilweise leerstehende Immobilien identifiziert; darunter 30 große wie der Salzmann-Komplex, das alte Polizeipräsidium oder die Neue Hauptpost. Mindestens 220.000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche stehen leer. Das Potenzial liegt bei etwa 2400 Wohnungen. Es bräuchte (wieder) ein Zweckentfremdungsgesetz in Hessen. Vor allem aber eine offene Diskussion der Stadtpolitik über eine bessere Nutzung des Gebäudebestandes in Kassel. Leider konnte kein*e Vertreter*in des Projektes vor Ort sein. Weitere Infos: https://www.uni-kassel.de/fb06/infothek/meldung/2025/07/1/lehrforschungsprojekt-leerstand-relearn-rethink-redesign-reuse-2025-2027.html?cHash=eb5d03bea44a162936f5f4bed4ad73f7
Ein Mitstreiter des Interessenkollektivs Mobiles Wohnen beschrieb das Problem, dass Kassel keinen Platz bietet für die naturnahe, freie und sparsame Wohnform in (Bau-)Wägen. An der Wartekuppe hat die Stadtverwaltung eine Baugenehmigung verweigert und die Räumung des eigenen Grundstückes erzwungen. Jahrzehntelang wurden und werden Wagengruppen in Kassel immer wieder vertrieben. Während in anderen Städten und Gemeinden längst Lösungen gesucht und gefunden wurden, gibt es hier keinen sicheren und geeigneten Platz. Aber die öffentliche Debatte und mediale Aufmerksamkeit haben das Thema mal wieder auf die Tagesordnung gesetzt. Jetzt muss die Stadt rechtliche Grundlagen schaffen: Bebauungspläne für experimentelles Wohnen. An der Wartekuppe sind die Voraussetzungen bestens. Infos zum Thema: https://mittendrin-kassel.de/der-wagenplatz-wagenkuppe-unter-druck/
Kevin Hüvelmann engagiert sich privat für Obdachlose und schilderte seine Erfahrungen. Er arbeitet im Daimler-Werk und hilft aus christlicher Nächstenliebe Betroffenen ganz konkret – oft zusammen mit Bekannten. Nach Angaben der Stadt sind in Kassel etwa 1.100 Menschen ohne eigene Bleibe, darunter mutmaßlich 150 auf der Straße lebend. Im Winter stehen knapp 60 Notschlafplätze zur Verfügung und darüber hinaus auch Schlafplätze in Hotels. Allerdings haben Menschen aus Osteuropa kaum eine Chance auf einen solchen Platz, weil sie rechtlich keinen Anspruch auf Hilfe haben. Die Gefahr, im Winter draußen zu erfrieren, ist real. Deshalb fordert er vor allem einen Kältebus und dass die Kälteboxen im Bahnhof Wilhelmshöhe auch nach 22 Uhr geöffnet bleiben. Weitere Infos: https://www.evangelisch.de/inhalte/212838/27-02-2023/hilfe-fuer- obdachlose-er-schaut-hin-wo-andere-wegsehen
Anschließend wurde das neu gegründete Netzwerk Nordhessen für Gemeinschaftliches Wohnen (NeNo e.V.) vorgestellt. Einige Fotos zeigen die Vielfalt solcher selbstbestimmten Wohnprojekte. Beim Tag des offenen Wohnprojektes haben sich in Kassel dieses Jahr 15 davon vorgestellt und das Programm wurde von der Stadt beworben. Es gibt derzeit in der Stadtverwaltung durchaus Bereitschaft, mit Konzeptvergaben Orte zu schaffen, an denen gemeinschaftliches Bauen möglich wird. Schwierig ist allerdings, dass solche Projekte sehr viel Engagement und Kompetenz der Beteiligten erfordern und dies viele überfordert. Es bräuchte systematische Unterstützung durch eine städtische Wohnraumagentur, um nicht alles auf den Schultern der künftigen Bewohner*innen abzuladen. So wäre auch mehr soziale Vielfalt möglich. Weitere Infos: https://neno-wohnen.org/
Eine Mitbegründerin der Initiative Gedenkort Königstor zeigte schließlich mit Bildern eindrucksvolle Perspektiven für das ehemalige Polizeipräsidium. Die Initiative ist sehr gut aufgestellt und hat bereits zur Geschichte und zu vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten fundiert gearbeitet. Das „Orbit“ nebenan wurde als Ort der Entwicklung, Verknüpfung und Öffentlichkeitsarbeit etabliert. Wichtigste Forderung ist, das Gebäude nicht zu veräußern, sondern im öffentlichen Besitz zu halten. Während der Gedenkort im Zellentrakt in öffentlicher bzw. gemeinnütziger, staatlich finanzierter Trägerschaft verbleiben soll, wird angeraten, auch das übrige Gebäude nicht zu veräußern, sondern in langfristiger Erbpacht an einen Dritten zur Nutzung zu übergeben. Konkret ist das Studentenwerk als Partner für die Einrichtung von Wohnraum für Studierende interessiert. Außerdem soll eine Vergabe unter Beteiligung der interessierten Stadtöffentlichkeit und der Akteure, die sich für die Erinnerung an den NS-Terror und gegen Rassismus, Diskriminierung und Antisemitismus engagieren, erfolgen.
Weitere Infos: https://gedenkort-koenigstor.de
Für unsere Forderungen nach Bleiberecht in Kassel, gegen Ausgrenzung und Abschiebungen gab es einhellige Zustimmung. Die CDU beginnt nun auch in Kassel, die Unterstützung von Geflüchteten aus der Ukraine in Frage zu stellen. Wir wollen der Verschiebung des öffentlichen Diskurses nicht nachgeben. Wir verlangen von den demokratischen Kommunalpolitiker*innen für Menschlichkeit und gegen Spaltung der Stadtgesellschaft einzustehen.
3) Austausch und Vernetzung
Bei Kaffee, Kuchen & Co gab es die Möglichkeit, eine Dreiviertelstunde lang ins Gespräch zu kommen. Die wurde in wechselnden Konstellationen intensiv genutzt.
4) Forderungskatalog und Beratung zu strategischen Hebeln und Perspektiven der Zusammenarbeit
Violetta Bock stellte unseren Forderungskatalog vor, der für gut befunden und in der großen Runde um einige Punkte ergänzt wurde. Das Ergebnis ist angehängt. Es zeigte sich, dass sich nicht eine große verbindende Frage oder Forderung „aus dem Hut zaubern lässt“. Die Herausforderungen sind vielfältig und die Akteure sind es auch. Mehr Verbindung miteinander und sich solidarisch zeigen wird gewünscht. Eine Verabredung fand große Zustimmung: Wir unterstützen ein gemeinsames öffentliches Forum der verschiedenen Anliegen und Initiativen. So zum Beispiel die Kundgebungen der Interessensgemeinschaft Henschel-Areal vor dem Rathaus. Um die Kommunikation untereinander zu erleichtern, haben wir eine E-Mail-Liste eingerichtet, sodass die Initiativen ihre Veranstaltungen usw. untereinander teilen können.
Insgesamt war die Aktionskonferenz inspirierend und motivierend, viele Engagierte aus unterschiedlichen Initiativen kamen zusammen und eine Grundlage für weitere Vernetzung wurde geschaffen. Und es wurde noch ein Abschlussfoto mit den Beteiligten gamacht, die nach 18 Uhr noch bleiben konnten – mit kleinen Plakaten die in der Stadt verteilt eingesteckt werden konnten und unsere Anliegen verbreiten:
Die Verwaltung darf den Abriss nutzbarer Gebäude nicht erlauben! Platz für mobiles Wohnen (Bauwagen) auch in Kassel! Solidarisch gegen Abschiebungen aus Kassel. Nachbarn sollen bleiben! Kein Verkauf von städtischen Grundstücken! Erneuerbare Energie für alle städtischen Gebäude! Gedenkort und studentisches Wohnen im ehemaligen Polizeipräsidium am Königstor! Kulturinitiativen wie das „Gewächshaus“ (public day care) brauchen städtische Räume auf Dauer! Henschel-Gelände für Heilhaus, Mr. Wilson und gutes Wohnen … nicht für die Rüstungsindustrie! Jugendräume in Wehlheiden sollen bleiben und besser werden! Leerstand (um)nutzen für Wohnungen & Begegnungsräume! Miet-Haie zu Fischstäbchen! Für kostenlose Treffpunkte und Kultur-Orte, öffentliche Kantinen und Erholungsräume in Kassel! Die Stadt soll den Vier-Tore-Platz als öffentlichen Raum sichern! Wir wollen bezahlbar, sozial und ökologisch wohnen in Kassel! Wohnungsaufsicht gegen kriminelle Vermieter!

